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Stadt Torgau

„Im Tal der Ahnungslosen“

Freizeit, Kultur & Sport

Wenn Geschichte plötzlich ganz nah kommt

Musik-Theater des Johann-Walter-Gymnasiums bei „Torgau leuchtet“ uraufgeführt – Schülerinnen und Schüler begeistern mit Schauspiel, Musik und ganz viel Gefühl

Es war ein Abend, der im Kulturhaus wohl noch lange nachwirken wird. Mit „Im Tal der Ahnungslosen“ feierte das Johann-Walter-Gymnasium am 2. Oktober im Rahmen des Stadtfestes „Torgau leuchtet“ die Uraufführung seiner neuen Musik-Theater-Inszenierung und bescherte dem Publikum einen ebenso unterhaltsamen wie berührenden Theaterabend.

Die Geschichte führt ins Jahr 1957. Deutschland befindet sich in einer Zeit des Umbruchs. Doch irgendwo im Osten scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Während andernorts längst neue Musik, neue Lebensentwürfe und ein anderes Lebensgefühl Einzug halten, bewahrt man sich hier hartnäckig die alten Traditionen. Jazz erklingt, Charleston wird getanzt, und selbst die Filme scheinen noch stumm zu sein. Ein augenzwinkernd überzeichnetes „Tal der Ahnungslosen“ entsteht – und mittendrin ein junger Mann namens Richard, der mit Rock’n’Roll im Gepäck versucht, frischen Wind in die verstaubte Welt zu bringen.

Was zunächst nach einer humorvollen Zeitreise klingt, entwickelt sich schnell zu einer Geschichte über Aufbruch, Anpassung, Mut und die Frage, wie viel Freiheit ein Mensch braucht, um seinen eigenen Weg zu gehen.

Das Drehbuch stammt von Jakob Höcke und Ole Hudde, inzwischen Schüler der Klasse 12. Gemeinsam entwickelten sie eine Geschichte, die historische Bezüge mit jugendlicher Perspektive, viel Musik und einer ordentlichen Portion Humor verbindet. Genau diese Mischung machte den besonderen Reiz des Abends aus. Immer wieder sorgte das Stück für Lachen, bevor die Stimmung im nächsten Moment ins Nachdenkliche oder zutiefst Emotionale wechselte.

Und musikalisch hatte die Inszenierung einiges zu bieten. Vor allem die drei Hauptdarsteller Emily Hinz, Kilian Ritz und Ole Hudde zogen das Publikum in ihren Bann. Sie sangen live, spielten mit großer Präsenz und vermittelten ihre Rollen nicht nur, sondern machten deren Gefühle unmittelbar spürbar. Es gab Momente zum Staunen, Momente voller Energie – und immer wieder solche, die für Gänsehaut sorgten.

Dabei war „Im Tal der Ahnungslosen“ keineswegs eine Einzelleistung weniger Hauptdarsteller. Was an diesem Abend auf der Bühne entstand, war das Ergebnis einer beeindruckenden Gemeinschaftsleistung. Die Schülerinnen und Schüler überzeugten mit Schauspiel, Gesang und Spielfreude. Gleichzeitig sorgten all jene, die hinter der Bühne, bei Technik, Organisation, Bühnenbild und den vielen anderen Bereichen mitwirkten, dafür, dass die Inszenierung überhaupt zu diesem großen Ganzen werden konnte.

Besonders eindrucksvoll war, wie selbstverständlich die Jugendlichen zwischen humorvollen Szenen, temporeichen musikalischen Passagen und emotionalen Momenten wechselten. Kein trockenes Geschichtsbuch, keine reine Rückschau – sondern Geschichte, die lebendig wurde.

Für viele Eltern und Lehrer im Saal dürfte dabei noch eine zweite Ebene hinzugekommen sein. Sie erlebten nicht nur die Geschichte einer vergangenen Zeit, sondern konnten eigene Erinnerungen und Erfahrungen wiederentdecken. Parallelen zur eigenen Jugend in der DDR wurden sichtbar, manche Szene dürfte Erinnerungen geweckt haben, die längst tief verstaut schienen. Daraus entstanden besondere Momente im Publikum: gemeinsames Lachen, leises Wiedererkennen und an anderer Stelle auch sichtbare Rührung.

Spätestens bei den emotionalen Höhepunkten des Stücks war zu spüren, wie sehr die Inszenierung ihr Publikum erreicht hatte. So mancher Zuschauer dürfte sich dabei nicht nur an die Handlung, sondern auch an eigene Geschichten erinnert haben. Und am Ende blieb wohl bei niemandem das Auge ganz trocken.

Dass eine Schülerinszenierung eine solche Wirkung entfalten kann, ist alles andere als selbstverständlich. „Im Tal der Ahnungslosen“ zeigte eindrucksvoll, mit welcher Kreativität, welchem Können und welcher Leidenschaft junge Menschen Geschichte und Gegenwart miteinander verbinden können. Die Jugendlichen erzählten ihre Geschichte auf ihre ganz eigene Weise – musikalisch, humorvoll, kritisch und emotional.

Der langanhaltende Applaus und die stehenden Ovationen nach der Aufführung waren deshalb mehr als verdient. Was die Schülerinnen und Schüler des Johann-Walter-Gymnasiums gemeinsam mit ihren Unterstützern auf die Bühne gebracht haben, war eine mitreißende, wunderschöne und in vielen Momenten schlicht überwältigende Inszenierung – eine echte Meisterleistung.

Bleibt am Ende nur ein Wunsch, den vermutlich viele der Zuschauer an diesem Abend teilten: Hoffentlich war die Uraufführung nicht zugleich die letzte Gelegenheit, „Im Tal der Ahnungslosen“ zu erleben. Denn dieses Stück hätte es verdient, noch einmal vor einem Publikum zu stehen.